Leseprobe:
Vom Büblein, das sich nicht waschen wollte
Ludwig Bechstein
Es ist einmal ein Büblein gewesen, das wollte sich schon
als ganz kleines Kind immer nicht waschen lassen, und als
es größer wurde, so hat sich's vor dem Wasser über alle Maßen
gegruselt und hat sich vor dem Nasswerden ärger gefürchtet
als vor dem Feuer. Und da hat der unsaubere Geist, der Teufel,
Macht genommen über das Büblein und hat zu ihm gesagt, er
wolle es an einen Ort führen, wo es sich sein Lebtag nicht
zu waschen brauche, und wenn es ihm sieben Jahre diene, dann
solle es ein gutes Leben haben. Das war dem Büblein recht,
und es ging mit dem Teufel, und der führte es fort, dass keine
Seele mehr von ihm weder hörte noch sah, und es wurde ganz
und gar vergessen. Nach sieben Jahren aber erschien in des
Bübleins Heimat ein Geselle, der sah aus wie des Teufels rußiger
Bruder. Seine Haut war schwarz, sein Haar wirr und ungekämmt,
sein Wesen war schweigsam. Aber wenn er Kinder sah, so warnte
er sie vor Unreinlichkeit und ermahnte sie, dass sie sich
ja recht fleißig sollten waschen lassen. Nachher geschah es
wohl auch, dass er erzählte, wie er am Höllentore im Dienste
des unsaubern Geistes habe Wache halten müssen, weil er selbst
so unsauber gewesen, und wer alles durch das Tor gekommen
aus dem Dorfe und der ganzen Umgegend. Wie aber die Leute
von den Kindern vernahmen, was des Teufels gewesener Torwart
erzählte, schalten sie ihn einen schwarzen Unhold und liefen
haufenweise zu ihm und gaben ihm vieles Geld, dass er schweige
und nicht sage, wessen Vater, Großvater, Mutter, Schwester,
Muhme und ganze werte Verwandtschaft er in die Hölle habe
einziehen sehen. Da nahm er das Geld, wenn ihn aber einer
wieder zu schelten anhub, so sagte er: »Ich wasche meine Hände
in Unschuld, ich kann nicht dafür, dass Eure Sippschaft in
die Hölle spaziert ist, statt in den Himmel.« Und fing an
und wusch sich fleißig, des Tages mehr als einmal, und verdiente
vieles Geld mit Schweigen, während andere es mit Schwätzen
verdienen müssen.